Das Corneal Crosslinking (CXL) kann den Keratokonus aufhalten, eine Erkrankung, bei der die Hornhaut dünner wird und sich kegelförmig vorwölbt. Die Behandlung benötigt jedoch eine UV-Lampe, sterile Riboflavin-Tropfen und einen erfahrenen Chirurgen. In weiten Teilen der Welt fehlt all das. Diese Lücke hat eine viel einfachere Idee attraktiv gemacht: die Lampe durch die Sonne zu ersetzen und die Tropfen durch eine Vitamin-B2-Tablette. Eine neue ELZA-Studie hat diese Idee nun an lebenden Augen geprüft. Sie zeigt, dass orales Riboflavin und Sonnenlicht die Hornhaut überhaupt nicht versteifen
Geleitet wurde die Studie von Erstautor Dr. Emilio Torres-Netto und Letztautor Prof. Farhad Hafezi. Sie erscheint in der August-Ausgabe 2026 des Journal of Refractive Surgery.
Warum Sonnenlicht-Vernetzung eine so reizvolle Idee ist
Das CXL wurde erstmals 2003 beschrieben. Seither ist es der Behandlungsstandard, um das Fortschreiten des Keratokonus aufzuhalten. Der Mechanismus ist photochemisch. Riboflavin (Vitamin B2) dringt in das Hornhautstroma ein, absorbiert ultraviolettes Licht und löst eine Reaktion aus, die das Gewebe versteift.
Da die Reaktion sowohl das Vitamin als auch eine UV-Quelle benötigt, hängt der Zugang von Geräten und Ausbildung ab. Er bleibt deshalb in ressourcenarmen und abgelegenen Regionen eingeschränkt. 2019 bot ein kleiner Beobachtungsbericht aus den USA eine Alternative an. Hochdosiertes orales Riboflavin und täglich 15 Minuten direkte Sonne könnten den Keratokonus stabilisieren, hiess es darin. Der Bericht enthielt jedoch keine biomechanischen Messungen.
Die eigenen Laborarbeiten von ELZA hatten bereits gezeigt, dass Sonnenlicht dies grundsätzlich leisten kann. In einer Studie von 2023 wurde von Schweinehornhäuten das Epithel entfernt; danach wurden sie mit Riboflavin getränkt und dem Sonnenlicht ausgesetzt. Sie versteiften etwa so stark wie beim konventionellen CXL. Offen blieb dennoch, ob derselbe Effekt im lebenden Auge auftritt, mit intaktem Epithel und einem geschluckten Vitamin.
Wie die Studie durchgeführt wurde
Das Team führte eine prospektive, kontrollierte In-vivo-Studie an 16 männlichen Neuseeland-Weiss-Kaninchen (32 Augen) durch. Das Kantonale Veterinäramt Zürich bewilligte das Protokoll. Im ersten Schritt erhielten vier Kaninchen (8 Augen) 14 Tage lang täglich 6 mg/kg orales Riboflavin. Anschliessend wurde mittels Zwei-Photonen-Fluoreszenzmikroskopie bestimmt, wie viel Riboflavin das Stroma erreicht hatte.
Im zweiten Schritt wurden 12 Kaninchen (24 Augen) im Verhältnis 1:1 randomisiert. Eine Gruppe folgte dem Protokoll mit oralem Riboflavin und Sonnenlicht, die andere erhielt nur Sonnenlicht. Die Tiere waren täglich 15 Minuten im Freien, bis eine kumulative Dosis von 2700 klux h erreicht war. Dieser Wert entspricht der Exposition, die in den Beobachtungen am Menschen berichtet wurde. Die Hornhautsteifigkeit wurde danach auf zwei Wegen gemessen: mit uniaxialer Spannungs-Dehnungs-Extensometrie und mit OCT-Elastographie. Letztere bildet ab, wie stark sich das Gewebe unter einer kleinen Druckänderung verformt.
Orales Riboflavin und Sonnenlicht versteiften die Hornhaut nicht
Die Extensometrie fand keinerlei Unterschied zwischen den Gruppen. Die Spannung bei 0,1 Dehnung betrug 152 plus/minus 11,5 kPa in den Kontrollaugen und 146 plus/minus 7,0 kPa in den behandelten Augen (p = 0,57). Ebenso lag das mittlere Elastizitätsmodul zwischen 0,1 und 0,2 Dehnung bei 4,1 MPa gegenüber 4,0 MPa (p = 0,870).
Die OCT-Elastographie deutete demgegenüber eher in die andere Richtung. Die Dehnung in der hinteren Hornhauthälfte war in den behandelten Augen signifikant höher als in den Kontrollen (5,51 gegenüber 3,98 Promille, p = 0,039). Das passt zu einer leichten Abnahme der Steifigkeit statt zu einer Zunahme. Die Autoren interpretieren dies zurückhaltend. Es könnte eine UV-bedingte Degradation des Stromas oder unterschwellige photochemische Effekte widerspiegeln und nicht eine Form von Crosslinking.
Warum die Dosis nie auch nur in die Nähe kam
ie Erklärung liegt in den Zahlen. Erstens betrug das mittlere Riboflavin im Stroma nach oraler Gabe nur 0,000081 Prozent. Das ist rund 494-mal weniger als die 0,04 Prozent, die topische Tropfen in 400 Mikrometer Stromatiefe erreichen. Zweitens ergibt sich eine absorbierte UV-Fluenz von etwa 4,3 mJ pro Quadratzentimeter, rund 1000-mal weniger als beim Dresdner Protokoll. Hinzu kommt, dass das intakte Epithel die UV-Penetration und die Sauerstoffversorgung begrenzt, auf die die Reaktion angewiesen ist. Das Scheitern ist mit anderen Worten eines der Bioverfügbarkeit und nicht der Photochemie.
Warum der Befund auch ausserhalb des Labors zählt
Unterdessen bewerben mehrere kommerzielle Anbieter orales Riboflavin und Sonnenlicht als Keratokonus-Behandlung. Der Keratokonus schreitet unbehandelt fort, weshalb ein wirkungsloser Ersatz keine neutrale Wahl ist. Er kann die etablierte Therapie so lange verzögern, dass ein irreversibler Sehverlust eintritt.
Die Autoren sind dennoch sorgfältig darin, was ihre Daten abdecken und was nicht. Geprüft wurde ein eigenständiger Crosslinking-Effekt. Die Studie sagt nichts über Nahrungsergänzung, einen Riboflavinmangel oder eine antioxidative Rolle bei der Erkrankung aus. Ein vereinfachtes Crosslinking bleibt zudem ein lohnendes Ziel, gerade dort, wo konventionelles CXL nicht erreichbar ist. Der Weg dorthin führt nach Ansicht der Autoren über eine bessere topische Applikation und über Lichtquellen, die auf das Absorptionsspektrum von Riboflavin abgestimmt sind.
Zur Studie
Diese Arbeit wurde teilweise von der Light for Sight Foundation (Dietikon, Schweiz) und der VELUX Stiftung (Zürich, Schweiz) unterstützt. Nikki Hafezi ist CEO der EMAGine AG. Prof. Farhad Hafezi ist Miterfinder von Patentanmeldungen zur Technologie des Corneal Crosslinking. Er ist zudem Chief Scientific Officer der EMAGine AG und hält Aktien oder Aktienoptionen des Unternehmens. Die übrigen Autoren erklärten keine konkurrierenden Interessen. Das Crosslinking bei Keratokonus wird an den ELZA-Kliniken in Zürich und Dietikon durchgeführt.
Weiterführende Informationen auf der ELZA-Website
Literatur
- Torres-Netto EA, Aydemir ME, Lu NJ, Kling S, Hafezi NL, Hillen M, Depczynska ML, Hafezi F. Oral riboflavin for sunlight-induced corneal cross-linking: efficacy assessment in a rabbit model in vivo using extensometry and OCT elastography. J Refract Surg. 2026;42(8):e797-e803. doi:10.3928/1081597X-20260622-02
- Torres-Netto EA, Abdshahzadeh H, Lu NJ, et al. Corneal crosslinking with riboflavin using sunlight. J Cataract Refract Surg. 2023;49(10):1049-1055. doi:10.1097/j.jcrs.0000000000001241
- Patienteninformation der American Academy of Ophthalmology zu Keratokonus