Die Mitteilung, dass die eigene Hornhaut für eine Behandlung zu dünn sei, gehört zu den schwierigeren Momenten im Verlauf eines Keratokonus. Über viele Jahre kam das Standard-Crosslinking nicht mehr infrage, sobald die Hornhaut eine bestimmte Mindestdicke unterschritt. Betroffen waren häufig gerade diejenigen Patienten, die eine Stabilisierung am dringendsten benötigten. Eine narrative Übersichtsarbeit in Die Ophthalmologie beschreibt nun, wie das ELZA-sub400 Crosslinking diese Ausgangslage verändert: Nicht mehr die Hornhaut muss an ein starres Behandlungsprotokoll angepasst werden, sondern die Behandlung wird an die jeweilige Hornhaut angepasst(Hafezi et al., 2026, doi:10.1007/s00347-026-02467-z).
Das Wichtigste in Kürze
- Das konventionelle Crosslinking erfordert eine Hornhautdicke von mindestens 400 µm. Dadurch werden viele Patienten mit fortgeschrittenem Keratokonus von der Behandlung ausgeschlossen.
- Beim ELZA-sub400-Crosslinking wird die UV-Dosis an die gemessene Hornhautdicke angepasst. Dadurch kann ein Crosslinking auch bei Hornhäuten mit einer Dicke von nur 214 µm durchgeführt werden.
- In einer publizierten prospektiven Studie mit 39 Augen blieben nach einem Jahr 90 % der Augen stabil. Hinweise auf eine Schädigung des Endothels wurden nicht beobachtet.
- Die Datenlage ist noch begrenzt: Es handelt sich um 39 Augen aus einem einzelnen Zentrum mit einer Nachbeobachtungszeit von zwölf Monaten. Grössere, längerfristige und vergleichende Studien sind weiterhin erforderlich.
Was ist Keratokonus und weshalb ist die Hornhautdicke wichtig?
Keratokonus ist eine Erkrankung, bei der die Hornhaut, das klare vordere Fenster des Auges, zunehmend dünner wird und sich kegelförmig vorwölbt. Dadurch wird das einfallende Licht unregelmässig gebrochen, was zu verschwommenem und verzerrtem Sehen führt. Die wichtigste Behandlung zur Verlangsamung oder zum Stillstand der Erkrankungsprogression ist das Corneal Crosslinking (CXL). Dabei wird die Hornhaut mithilfe von Riboflavin, also Vitamin B2, und ultraviolettem Licht mechanisch versteift. Das ursprüngliche Behandlungsprotokoll, das sogenannte Dresdner Protokoll, setzt eine Hornhautdicke von mindestens 400 µm voraus. Dieser Grenzwert soll das Endothel schützen. Das Endothel ist die empfindliche innerste Zellschicht der Hornhaut. Seine Zellen besitzen beim Menschen nur eine sehr begrenzte Regenerationsfähigkeit. Beim Standard-Crosslinking werden ungefähr die obersten 330 µm der Hornhaut behandelt. Die tiefsten etwa 70 µm bleiben unbehandelt und dienen als Sicherheitsabstand zum Endothel.
Weshalb dünne Hornhäute vom Standard-Crosslinking ausgeschlossen sind
Das grundlegende Problem besteht darin, dass der Keratokonus selbst zu einer zunehmenden Verdünnung der Hornhaut führt. Patienten mit besonders fortgeschrittener Erkrankung unterschreiten deshalb häufig die Grenze von 400 µm und werden nicht behandelt, obwohl gerade bei ihnen eine Stabilisierung dringend erforderlich wäre. Zur Behandlung dünner Hornhäute wurden verschiedene Ansätze entwickelt. Eine Möglichkeit besteht darin, die Hornhaut mit hypoosmolarem Riboflavin vorübergehend auf mindestens 400 µm aufquellen zu lassen. Das Ausmass dieser Quellung ist jedoch variabel und nur schwer vorhersehbar. Bei einer weiteren Methode wird eine mit Riboflavin getränkte Kontaktlinse auf die Hornhaut gelegt. Nach Angaben der Autoren kann dies jedoch die Sauerstoffverfügbarkeit reduzieren und damit den biomechanischen Versteifungseffekt abschwächen. Ein dritter Ansatz lässt über der dünnsten Hornhautstelle eine kleine Insel des Epithels bestehen. Dies kann jedoch zu einer ungleichmässigen Behandlung führen. Allen diesen Verfahren ist gemeinsam, dass die Hornhaut an die Behandlung angepasst wird.
Was unterscheidet das ELZA-sub400-Crosslinking?
Beim ELZA-sub400-Crosslinking wird dieses Prinzip umgekehrt: Die Behandlung wird an die Hornhaut angepasst. Anstatt jede Hornhaut auf eine Dicke von 400 µm zu bringen, wird während des Eingriffs die stromale Hornhautdicke gemessen. Anschliessend wird die Dauer der UV-Bestrahlung individuell festgelegt. Grundlage ist ein gemeinsam mit der Hornhaut-Biomechanikerin Sabine Kling entwickelter Algorithmus, der zwei physikalische Gesetzmässigkeiten berücksichtigt. Das Ficksche Gesetz beschreibt, wie Riboflavin und Sauerstoff durch die Hornhaut diffundieren, während das Lambert-Beersche Gesetz beschreibt, wie das Hornhautgewebe UV-Energie absorbiert. Ausgehend von der gemessenen Hornhautdicke berechnet der Algorithmus die erforderliche Bestrahlungszeit. Ziel ist ein wirksames Crosslinking bei gleichzeitigem Erhalt eines unbehandelten Sicherheitsabstands von ungefähr 70 µm zum Endothel. Das Protokoll verwendet weiterhin eine nicht beschleunigte Bestrahlungsstärke von 3 mW/cm² bei entferntem Epithel. Dadurch kann es mit den meisten bereits in den Kliniken vorhandenen Crosslinking-Geräten durchgeführt werden und erfordert keine spezielle neue Hardware. Die Arbeiten wurden von Prof. Farhad Hafezi und seinen Kollegen am ELZA Institut in Zürich geleitet.
Was zeigte die Studie zum ELZA-sub400-Crosslinking?
Bei der aktuellen Publikation handelt es sich um eine Übersichtsarbeit, die die bereits veröffentlichten klinischen Daten zusammenfasst, und nicht um eine neue klinische Studie. Die zentralen Ergebnisse stammen aus einer prospektiven Studie mit 39 Augen. Die Hornhautdicke lag zwischen 214 und 398 µm. Nach einem Jahr waren 90 % der Augen, entsprechend 35 von 39 Augen, tomographisch stabil. Stabilität war definiert als eine Veränderung der maximalen Hornhautkrümmung, des sogenannten Kmax-Werts, von weniger als 1,0 D. Im Durchschnitt nahm der Kmax-Wert um 2,06 ± 3,66 D ab. Er sank von 58,5 ± 7,6 D zu Studienbeginn auf 56,4 ± 7,8 D nach zwölf Monaten (p = 0,001). Hinweise auf eine Endotheldekompensation wurden nicht festgestellt. Das Protokoll wurde ausserdem bei einem einzelnen Patienten mit Keratoglobus eingesetzt. Keratoglobus ist eine seltenere Erkrankung, bei der die gesamte Hornhaut verdünnt ist. In diesem Fall blieb die Hornhaut über 32 Monate stabil. Der Kmax-Wert sank von 81,90 auf 80,60 D, ohne Hinweise auf eine Endothelschädigung. Weitere Informationen zu diesem Fall finden Sie auf unserer Seite zum Crosslinking bei Keratoglobus .
Was könnte dies für Sie bedeuten?
- Wenn Ihnen mitgeteilt wurde, Ihre Hornhaut sei für ein Crosslinking zu dünn, muss dies heute nicht mehr zwingend das Ende der Behandlungsmöglichkeiten bedeuten. Individualisierte Protokolle wurden speziell für diese Situation entwickelt.
- Da das Verfahren eine standardmässige UV-Lichtquelle mit 3 mW/cm² verwendet, ist kein spezialisiertes Crosslinking-Gerät erforderlich.
- Das Ziel des Crosslinkings besteht darin, die Progression des Keratokonus aufzuhalten. Eine gewisse Abflachung der Hornhaut ist möglich, doch das Crosslinking kann den Keratokonus nicht vollständig rückgängig machen und ersetzt weder Brille noch Kontaktlinsen.
Grenzen der bisherigen Evidenz
Die Autoren benennen die noch offenen Fragen ausdrücklich. Die prospektive Studie umfasste 39 Augen. Dies liefert klinisch relevante erste Daten, ist jedoch weiterhin eine kleine Fallzahl. Bislang liegt keine grosse, multizentrische, randomisierte kontrollierte Studie vor, in der das ELZA-sub400-Crosslinking direkt mit älteren Methoden wie der künstlichen Hornhautquellung verglichen wurde. Eine Nachbeobachtung über mehr als fünf Jahre ist erforderlich, um zu bestätigen, dass die Stabilisierung bei diesen sehr dünnen Hornhäuten langfristig anhält. Das Protokoll setzt zudem eine genaue intraoperative Ultraschallpachymetrie zum richtigen Zeitpunkt voraus. Eine fehlerhafte Messung könnte zu einer Über- oder Unterbehandlung führen. Der behandelnde Chirurg sollte deshalb über entsprechende Erfahrung mit der Methode verfügen. Ob der Sicherheitsabstand von 70 µm zwingend erforderlich ist, wird zunehmend diskutiert. Eine Verringerung dieses Abstands könnte möglicherweise noch dünnere Hornhäute behandelbar machen. Die Autoren betonen jedoch, dass hierfür zunächst belastbare Sicherheitsdaten erforderlich sind. Bei sehr fortgeschrittenem Keratokonus, stark eingeschränkter Sehschärfe und Kontaktlinsenunverträglichkeit können eine Hornhauttransplantation oder CAIRS, also allogene intrastromale Hornhautringsegmente, die geeignetere erste Behandlungsoption sein. Neuere Varianten, darunter ein Protokoll der zweiten Generation und ein Epi-on-Verfahren mit erhaltenem Epithel, befinden sich in Entwicklung und gehören derzeit noch nicht zur Standardbehandlung.
Fragen, die Sie Ihrem Augenarzt stellen können
- Wie dünn ist meine Hornhaut an ihrer dünnsten Stelle und mit welcher Methode wurde dies gemessen?
- Schreitet mein Keratokonus aktuell tatsächlich fort?
- Komme ich für ein individualisiertes Crosslinking-Protokoll für dünne Hornhäute infrage, oder wäre eine andere Behandlung besser geeignet?
- Was sind die realistischen Ziele – etwa die Stabilisierung meines Sehvermögens – und was kann die Behandlung nicht leisten?
- Wie viel Erfahrung hat das Zentrum mit dem Crosslinking sehr dünner Hornhäute?
- Welche Nachuntersuchungen benötige ich und über welchen Zeitraum?
Häufig gestellte Fragen - FAQ
Kann ein Crosslinking durchgeführt werden, wenn meine Hornhaut dünner als 400 µm ist?
Unter bestimmten Voraussetzungen ja.
Das Standard-Crosslinking setzt eine Hornhautdicke von mindestens 400 µm voraus. Individualisierte Verfahren wie das ELZA-sub400-Crosslinking wurden jedoch speziell für dünnere Hornhäute entwickelt und passen die UV-Dosis an die jeweilige Hornhautdicke an.
Ob das Verfahren für ein bestimmtes Auge geeignet ist, muss individuell durch einen erfahrenen Augenarzt beurteilt werden.
Kann das ELZA-sub400-Crosslinking den Keratokonus rückgängig machen?
Nein.
Das Ziel ist, die Progression der Erkrankung aufzuhalten. Eine gewisse Abflachung der Hornhaut kann auftreten, doch das Crosslinking ist kein Verfahren zur Korrektur der Sehschärfe und ersetzt Brille oder Kontaktlinsen nicht.
Ist das Verfahren für das Augeninnere sicher?
Das Protokoll erhält einen unbehandelten Sicherheitsabstand von ungefähr 70 µm zum Endothel.
In der publizierten Studie mit 39 Augen wurden keine Hinweise auf eine Endothelschädigung beobachtet. Langfristige Daten bei sehr dünnen Hornhäuten werden jedoch weiterhin erhoben.
Wie dünn darf eine Hornhaut für diese Behandlung sein?
In der prospektiven Studie wurde eine Hornhaut mit einer Dicke von nur 214 µm behandelt.
Welche Mindestdicke bei einem bestimmten Patienten sicher behandelt werden kann, hängt jedoch von der individuellen Anatomie und den intraoperativen Messungen ab.
Ist dafür ein spezielles Gerät erforderlich?
Nein.
Das ELZA-sub400-Crosslinking verwendet eine standardmässige UV-Lichtquelle mit 3 mW/cm² sowie eine Ultraschallpachymetrie. Das Protokoll kann deshalb mit den meisten bereits verwendeten Crosslinking-Geräten durchgeführt werden.
Das ELZA Institut Zürich setzt im Rahmen seiner Keratokonus-Behandlung auf individualisierte Crosslinking-Protokolle für dünne Hornhäute. Mehr dazu lesen Sie auf unserer Seite für sehr dünne Hornhäute oder Sie können eine Beratung vereinbaren um zu besprechen, ob dies für Ihre Augen gilt.
Quellen
- Hafezi F, Hillen M, Kling S, Hafezi NL, Aydemir ME, Torres-Netto EA. Crosslinking-Behandlung von ultradünnen Hornhäuten: das ELZA-sub400-Protokoll. Die Ophthalmologie. 2026 (online vorab veröffentlicht). doi:10.1007/s00347-026-02467-z
- Hafezi F, Kling S, Gilardoni F, et al. Individualized corneal cross-linking with riboflavin and UV-A in ultrathin corneas: the Sub400 protocol. Am J Ophthalmol. 2021;224:133–142. doi:10.1016/j.ajo.2020.12.011
- American Academy of Ophthalmology. Corneal Crosslinking (Patienteninformation). aao.org