Können Sonnenlicht und Riboflavin (Vitamin B2) einen Keratokonus heilen? ELZA stellt Fragen…
Ein kürzlich in der Revista Brasileira de Oftalmologia veröffentlichter Artikel befasst sich mit einer Frage, die im Internet und unter Patienten zunehmend diskutiert wird: Kann Keratokonus durch die Einnahme hochdosierten Riboflavins (Vitamin B2) in Kombination mit Sonnenexposition behandelt werden?.
Der Beitrag ist ein Leserbrief, der auf eine zuvor veröffentlichte Studie reagiert, in der behauptet wurde, dass ein solcher Ansatz „bei der Stabilisierung des Keratokonusverlaufs wirksam zu sein scheint“.
Es wurde von einem Team des ELZA Institute in Zürich verfasst, darunter Dr. Dr. Emilio A. Torres-Netto, MD, PhD, FEBO, FWCRS, Prof. Dr. Dr. Farhad Hafezi, MD, PhD, FARVO sowie Dr. Mark Hillen, PhDdie zentrale Annahmen der ursprünglichen Arbeit , auf die sich der Leserbrief bezieht, kritisch hinterfragen.
Den Originalartikel finden Sie hier:
Was wurde behauptet?
Die ursprüngliche Studie legte nahe, dass die Kombination aus oralem Riboflavin und Sonnenexposition den Keratokonus stabilisieren könnte. Dies würde – zumindest theoretisch – einem Cross-Linking-Effekt entsprechen.Dieser Ansatz hat Aufmerksamkeit erlangt, da er einfach und leicht umsetzbar erscheint, insbesondere im Vergleich zu einem klinisch durchgeführten Cross-Linking.
Einschränkungen des Studiendesigns
In der Stellungnahme wird hervorgehoben, dass es sich um eine retrospektive, unkontrollierte Studie mit einer relativ kleinen Patientenzahl handelt. Zudem kam es im Verlauf der kurzen Nachbeobachtungszeit zu einem relevanten Patientenverlust. Entscheidend ist, dass zu Studienbeginn kein nachweislich progredienter Keratokonus vorausgesetzt wurde.
Unter diesen Umständen kann eine beobachtete Stabilität nicht als therapeutischer Effekt interpretiert werden. Wie die Autoren festhalten, „handelt es sich hierbei nicht um geringfügige Einschränkungen, sondern um grundlegende Hindernisse für den Nachweis einer kausalen Wirksamkeit.“
Störfaktoren
Die Interpretation wird zusätzlich durch begleitende Massnahmen erschwert. Die Patientinnen und Patienten wurden angewiesen, das Reiben der Augen zu vermeiden, und erhielten eine antiallergische Therapie. Beide Faktoren sind unabhängig voneinander dafür bekannt, das Fortschreiten des Keratokonus zu verlangsamen.
Da diese Effekte nicht vom möglichen Einfluss von Riboflavin und Sonnenexposition getrennt wurden, bleibt unklar, ob die beobachteten Veränderungen tatsächlich auf die untersuchte Intervention zurückzuführen sind.
Biologische Plausibilität der Behandlung von Keratokonus mit Riboflavin unter Sonnenlicht
Cross-Linking der Hornhaut hängt davon ab, dass eine ausreichende Riboflavin-Konzentration in der Hornhaut erreicht und eine definierte Menge an ultravioletter Energie abgegeben wird.
Die Autoren berichten, dass systemisch verabreichtes Riboflavin zu Konzentrationen im Stroma führt, die „mehr als 400-mal niedriger sind als die Konzentrationen, die typischerweise bei der topischen Applikation im Rahmen einer klinischen CXL-Behandlung erreicht werden“.
Gleichzeitig ist die UV-Exposition durch Sonnenlicht deutlich geringer als die in klinischen Protokollen verwendete, wobei die absorbierte Energie „um drei Grössenordnungen unter der im Dresdner Protokoll verabreichten liegt“.
Unter diesen Bedingungen sind die Voraussetzungen für ein wirksames Cross-Linking nicht gegeben.
Experimentelle Belege
Die Veröffentlichung bezieht sich auf kontrollierte experimentelle Daten, wonach die orale Einnahme von Riboflavin in Kombination mit Sonnenexposition keine Zunahme der Hornhautsteifigkeit bewirkte. Biomechanische Untersuchungen zeigten keine festigende Wirkung, und einzelne Ergebnisse deuteten sogar auf eine reduzierte Steifigkeit hin.
Diese Befunde stehen im direkten Widerspruch zu dem erwarteten Effekt eines erfolgreichen Cross-Linkings.
Schwankungen in der Sonneneinstrahlung
Natürliches Sonnenlicht ist inhärent variabel. Die UV-Exposition hängt vom geografischen Standort, der Tageszeit, der Jahreszeit, den Wetterbedingungen und dem individuellen Verhalten ab.
Ohne eine präzise Quantifizierung der UV-Dosis ist es nicht möglich, die Behandlung zu standardisieren oder beobachtete Effekte zuverlässig einem photochemischen Prozess zuzuschreiben. Die Autoren bezeichnen eine solche Zuordnung als spekulativ.
Klinische Implikationen
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Bewerbung dieses Ansatzes den Zugang zu bewährten Therapien verzögern könnte. Das in einer klinischen Umgebung durchgeführte Cross-Linking ist weiterhin die einzige Behandlung mit nachgewiesener Wirksamkeit zur Stabilisierung der Keratokonus-Progression.
Wie in der Veröffentlichung festgehalten wird, „ist das Schadenspotenzial beträchtlich, wenn Patienten aufgrund unbegründeter Behauptungen auf eine rechtzeitige CXL-Behandlung verzichten“.
Schlussfolgerung
Diese Veröffentlichung stützt das Konzept eines durch Sonnenlicht aktivierten Cross-Linkings mittels oralem Riboflavin nicht. Stattdessen liefert sie eine fundierte Kritik der verfügbaren Evidenz und erläutert, warum der vorgeschlagene Mechanismus wahrscheinlich keine klinisch relevante Wirkung entfaltet.
Für Patientinnen und Patienten bleibt die zentrale Aussage unverändert: Cross-Linking unter kontrollierten klinischen Bedingungen ist weiterhin der Standard zur Verlangsamung oder zum Stillstand der Keratokonus-Progression.
Quellen
Almodin EM, Almodin F, Almodin J. Corneal collagen cross-linking by sun exposure and high dose oral riboflavin: a multicentric longitudinal observational study. Revista Brasileira de Oftalmologia. 2025;84:e0036.
Torres EA, Aydemir ME, Lu NJ, et al. Letter to: Corneal collagen cross-linking by sun exposure and high dose oral riboflavin: a multicentric longitudinal observational study. Revista Brasileira de Oftalmologia. 2026;85:e0020.