Die Erforschung des okulären Mikrobioms: Eine neue Grenze in der Ophthalmologie
Auszug
"Das Auge, das einst als steril und immunprivilegiert galt, ist in ein systemisches Wechselspiel zwischen mikrobiellen Mietern und der Gesundheit des Auges verwickelt".
In ihrer Ausgabe vom Januar 2026, The Ophthalmologist veröffentlichte eine Titelbild-Artikel mitverfasst von Prof. Dr. Farhad Hafezi, und Dr. Mark Hillen das die lang gehegten Annahmen über Sterilität und Immunität im Auge in Frage stellt. Er stellt eine kühne These auf: Die nächste Revolution in der Augenheilkunde könnte nicht von künstlich hergestellten Molekülen ausgehen, sondern von Mikroben, die in uns und um uns herum leben.
Der Artikel stellt die Darm-Augen-Achseund zeigt, wie das Mikrobiom so unterschiedliche Erkrankungen wie trockene Augen, Glaukom, Uveitis, AMD und diabetische Retinopathie beeinflusst. Die vertraute Darstellung des Auges als isoliertes, steriles Organ wird aufgelöst und durch ein Bild des ständigen mikrobiellen Dialogs zwischen Darm, Augenoberfläche und intraokularen Kompartimenten ersetzt.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Konzept der Lacriomedie mikrobielle Gemeinschaft des Tränenabflusssystems. Einst als einfache Rohrleitung betrachtet, entpuppt sich das nasolakrimale System als ein Mikro-Ökosystem, in dem Veränderungen im mikrobiellen Gleichgewicht über Erfolg oder Misserfolg einer Operation entscheiden können. Ähnlich ist es bei Funktionsstörung der Meibom-DrüsenDie übliche Erklärung für eine Drüsenobstruktion wird umgedeutet: Bakterien am Lidrand können die Gesundheit der Drüsen und die Stabilität der Augenoberfläche beeinflussen.
Der Artikel stellt auch die Annahme der Sterilität in der vorderen Augenkammer in Frage. Der Nachweis mikrobieller DNA in Kammerwasserproben lässt vermuten, dass ansässige Organismen den Immuntonus beeinflussen und sogar zur Pathophysiologie des Glaukoms beitragen könnten. Ebenso provokant ist der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Darmbakterien und Autoimmun-Uveitis, bei der Mikroben die T-Zellen darauf "trainieren" können, retinale Antigene anzugreifen.
Alle diese Beispiele haben eines gemeinsam: Dysbiose - ein mikrobielles Ungleichgewicht - kann das Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Krankheit verändern. Diese Perspektive schliesst etablierte Mechanismen wie den Augeninnendruck bei Glaukom oder die Komplementdysregulation bei AMD nicht aus, fügt aber eine weitere Ebene hinzu: die Möglichkeit, dass mikrobielle Gemeinschaften, die durch Ernährung, Umwelt und Medikamente geformt werden, als versteckte Mitverursacher von Krankheiten fungieren.
Therapeutisch ist der Horizont ebenso herausfordernd. Die Modulation des Mikrobioms durch Probiotika, Präbiotika oder sogar fäkale Transplantate hat sich in experimentellen Modellen als vielversprechend erwiesen. Doch die Risiken - unbeabsichtigte Entzündungen, Infektionen oder unvorhersehbare Immunreaktionen - sind real. Der Artikel warnt vor einer verfrühten Umsetzung und betont, dass vor der klinischen Anwendung strenge, multimikroskopische Studien erforderlich sind.
Für die Ophthalmologie ist dieser Wandel von grosser Bedeutung. Gesundheit kann nicht mehr mit Sterilität gleichgesetzt werden, und Krankheit nicht mehr mit Verunreinigung. Stattdessen kann sich der Fokus auf Folgendes richten Symbioseund erkennt an, dass das Auge Teil einer viel umfassenderen mikrobiellen Ökologie ist.
Eine letzte Implikation verdient Aufmerksamkeit: die Ausbildung. Wenn das Mikrobiom so grundlegend ist, wie die Daten vermuten lassen, kann es nicht eine Fussnote in der augenärztlichen Ausbildung bleiben. Künftige Kliniker müssen neben Anatomie, Immunologie und Optik auch die mikrobielle Ökologie verstehen. In klinischen Studien müssen Patienten nicht nur nach Genotyp und Phänotyp, sondern auch nach mikrobiellem Status stratifiziert werden. Und die klinische Intuition selbst muss möglicherweise neu kalibriert werden - in der Erkenntnis, dass die Variabilität der Ergebnisse möglicherweise eher auf unsichtbare biologische Partner als auf chirurgische Nuancen allein zurückzuführen ist. Das Mikrobiom ersetzt nicht die etablierten Mechanismen, sondern kontextualisiert sie. Die Aufgabe der Augenheilkunde besteht nun darin, nicht nach Neuem zu jagen, sondern Komplexität mit Disziplin, Neugier und Zurückhaltung zu integrieren.