Digitale Geräte dominieren den modernen Alltag und geben Anlass zu ständiger Sorge über ihre Auswirkungen auf die Gesundheit der Augen. Ein Artikel veröffentlicht in Beobachter (10/2024) untersucht, was im Auge bei längerer Bildschirmnutzung passiert, und trennt gängige Annahmen von der physiologischen Realität, wobei es sich auf die Erkenntnisse von Hendrik Scholl und Farhad Hafezi.
Das Sehen beginnt damit, dass das von einem Objekt reflektierte Licht die Hornhaut, die Linse und den Glaskörper durchläuft, bevor es von der Netzhaut in neuronale Signale umgewandelt wird. Obwohl die Netzhaut eine zentrale Rolle beim Sehen spielt, ist sie besonders schmerzunempfindlich und bleibt metabolisch aktiv, unabhängig davon, ob wir lesen, im Freien sind oder auf einen Bildschirm schauen. Wie Prof. Scholl erklärt, wird die Netzhaut selbst durch längere Bildschirmarbeit nicht geschädigt.
Die Hornhaut hingegen erzählt eine andere Geschichte. Als das am dichtesten mit Nerven durchzogene Gewebe des menschlichen Körpers reagiert sie sehr empfindlich auf Veränderungen der Oberfläche. Längerer Bildschirmgebrauch geht mit einer verringerten Blinzelrate einher, was den Tränenfilm destabilisieren und zu einer erhöhten Verdunstung führen kann. Im Laufe der Zeit kann dies eine chronische Oberflächenentzündung und eine Funktionsstörung der Meibom-Drüsen am Lidrand fördern, die für die Produktion der Lipidschicht des Tränenfilms verantwortlich sind.
Laut Prof. Hafezi beschleunigt eine Beeinträchtigung dieser Lipidschicht die Verdunstung des Tränenfilms und trägt so zu den Symptomen des trockenen Auges wie Brennen, Rötung, Tränen und schwankende Sehkraft bei. Wichtig ist, dass dieser Prozess nicht durch das Bildschirmlicht selbst ausgelöst wird, sondern durch ein verändertes Blinzelverhalten und Umweltfaktoren. Eine niedrige Luftfeuchtigkeit in Innenräumen - oft bis zu 10% in geschlossenen Räumen - verschlimmert die Trockenheit der Augenoberfläche zusätzlich. Deckelhygiene und eine Erhöhung der Raumluftfeuchtigkeit auf etwa 40% werden als praktische Hilfsmaßnahmen angeführt.
Neben der digitalen Augenbelastung wird in dem Artikel ein breiterer und folgenschwererer Trend hervorgehoben: die weltweite Zunahme der Myopie. Im letzten Jahrhundert hat sich der durchschnittliche Brechungsfehler um etwa drei Dioptrien in Richtung Kurzsichtigkeit verschoben. Beide Experten betonen, dass diese Veränderung in erster Linie auf die Sehgewohnheiten in der Kindheit zurückzuführen ist und nicht auf die Bildschirmnutzung im Erwachsenenalter. Man geht davon aus, dass eine geringere Tageslichtexposition während der kritischen Entwicklungsjahre das axiale Augenwachstum stimuliert und damit das Risiko und den Schweregrad der Myopie erhöht.
Erkenntnisse aus Ostasien deuten darauf hin, dass ein regelmässiger Aufenthalt im Freien - mindestens zwei Stunden täglich - das Fortschreiten der Myopie verlangsamen oder ihr Auftreten reduzieren kann. Während Erwachsene nur begrenzte Möglichkeiten haben, altersbedingten refraktiven Veränderungen wie der Presbyopie vorzubeugen, sind regelmässige Pausen bei der Arbeit im Nahbereich, bewusstes Blinzeln und eine ergonomische Bildschirmeinstellung sinnvolle Massnahmen, um Augenbeschwerden zu verringern.
Aus der Sicht von ELZA unterstreicht der Artikel eine wichtige klinische Botschaft: Digitale Geräte belasten die Augenoberfläche, nicht die Netzhaut, und die langfristige Sehgesundheit hängt ebenso sehr von Umwelt- und Verhaltensfaktoren wie von der optischen Korrektur ab.